Die Debatte über die Privatisierung des Strafvollzugs: Reflexionen über Grenzen und Staatsverständnis aus Schweizerischer Sicht = The debate on privatizing the penal system : reflections on its limits and conceptions of the state from a Swiss perspective

In der Schweiz besteht seit dem 1.1.2007 eine gesetzliche Grundlage, die den Bundesrat ermächtigt, den Vollzug sämtlicher Freiheitsstrafen auf Private zu übertragen. Ich werde in diesem Beitrag grundsätzliche Fragen der Zulässigkeit eines solchen Vorhabens analysieren und dessen verfassungsmäßige un...

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Bibliographic Details
Main Author: Coninx, Anna 1981- (Author)
Format: Electronic Article
Language:German
Published: 2009
In: Kriminologisches Journal
Year: 2009, Volume: 41, Issue: 4, Pages: 287-304
Online Access: Kurzbeschreibung (Publisher)
Volltext (kostenfrei)
Check availability: HBZ Gateway
Keywords:
Parallel Edition:Non-electronic
Description
Summary:In der Schweiz besteht seit dem 1.1.2007 eine gesetzliche Grundlage, die den Bundesrat ermächtigt, den Vollzug sämtlicher Freiheitsstrafen auf Private zu übertragen. Ich werde in diesem Beitrag grundsätzliche Fragen der Zulässigkeit eines solchen Vorhabens analysieren und dessen verfassungsmäßige und kriminalpolitische Grenzen aufzeigen. Festzuhalten gilt, dass es sich bei der Privatisierung des Strafvollzugs immer nur um eine Teilprivatisierung handelt, was bedeutet, dass der Staat in jedem Fall einen rechtmäßigen Vollzug garantieren muss (Gewährleistungsverantwortung). Entscheidend für die Wahl einer staatlichen oder privaten Trägerschaft ist nicht die Zugehörigkeit einer Aufgabe zum Gewaltmonopol des Staates, sondern die Garantie der Verwirklichung der Grundrechte der Strafgefangenen. Aus kriminalpolitischer Sicht ist wesentlich, dass die Sanktionspolitik im Allgemeinen und die Wahl der Vollzugszwecke im Besonderen nicht von den kommerziellen Interessen der privaten Gefängnisbetreiber bestimmt werden. Dies kann dadurch erreicht werden, dass Private nur einen kleinen Prozentsatz aller Vollzugsplätze bereitstellen und die Verträge auf kürzestmögliche Laufzeiten beschränkt werden. Aufgrund heikler rechtlicher Abgrenzungsfragen und da keinerlei empirisch zuverlässig belegte Vorteile privater Träger vorliegen, erscheint es allerdings zweckmäßiger, den Vollzug klassischer Formen der Freiheitsstrafe beim Staat zu belassen. Künftigen Herausforderungen im Strafvollzug soll mit einer Reformpolitik zugunsten des Staates – nicht zugunsten Privater – begegnet werden.
Since January 1st 2007, Swiss federal law authorizes the federal government to appoint companies to provide correctional services. In this essay I show how privatising correctional services may violate constitutional standards. I analyze the consequences of privatisations on criminal policies and I define the limits of contracting private companies. I argue that the state monopoly on the legitimate use of force can be understood more broadly as the duty to regulate the enforcement of sentences, to control the legitimate use of force of private actors, and to guarantee the protection of basic rights of prison inmates. In any case, it is imperative to restrain the impact of commercial interests of private companies on criminal policies and the general regime of sanctions. Therefore, privatisations of correctional services must be limited and contracts establishing private correctional companies must be short-term. Overall, since crucial legal ambiguity persists and since there is no sufficient evidence to prove any specific advantage of privatising correctional services, it is more promising to leave the enforcement of sentences – as a general rule – to the state and to work on reforming the penal system with the state and not with private companies in mind.
Item Description:Literaturverzeichnis: Seite 302-304