Narrative Kriminologie?: eine kritische Reflexion neuerer narrativer Positionen der Kriminologie = Narrative criminology? : a critical reflection of recent narrative positions in criminology

In der englischsprachigen Kriminologie ist derzeit viel von Narrationen die Rede. Als narrative criminology etablierte sich jüngst eine Sammelbezeichnung für unterschiedlichste Forschungen, die Narrationen und Kriminalität bzw. Kriminalitätskontrolle aufeinander beziehen. Damit wird ein älteres Them...

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Bibliographic Details
Main Author: Dollinger, Bernd 1973- (Author)
Contributors: Schmidt, Holger
Format: Electronic Article
Language:German
Published: 2020
In: Kriminologisches Journal
Year: 2020, Volume: 52, Issue: 4, Pages: 280-294
Online Access: Volltext (kostenfrei)
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Check availability: HBZ Gateway
Keywords:
Parallel Edition:Non-electronic
Description
Summary:In der englischsprachigen Kriminologie ist derzeit viel von Narrationen die Rede. Als narrative criminology etablierte sich jüngst eine Sammelbezeichnung für unterschiedlichste Forschungen, die Narrationen und Kriminalität bzw. Kriminalitätskontrolle aufeinander beziehen. Damit wird ein älteres Thema neu aufgenommen; bereits seit längerer Zeit sind Narrationen auf vielfältige Weise ein Gegenstand kriminologischer Forschung. Wir schildern zunächst diesen Ausgangspunkt, um ihn mit der spezifischen Richtung zu kontrastieren, die maßgebliche VertreterInnen der narrative criminology einnehmen. Im Blickpunkt steht insbesondere die Frage, ob sie mit Recht beanspruchen kann, der Kritischen Kriminologie neue theoretische und/oder empirische Perspektiven zu eröffnen. Wir melden diesbezüglich Zweifel an. Schwierig erscheint aus unserer Sicht, dass die narrative criminology in nicht geringem Maße ätiologisch orientiert ist. Zudem bedient sie sich einer dualistischen Ontologie, die gleichzeitig einem "realistischen" und einem "konstruktivistischen" Wirklichkeitsverständnis verpflichtet ist. Damit können zwar unterschiedliche kriminologische Bezüge hergestellt werden, die Kehrseite ist jedoch eine gewisse Inkonsistenz. Wir postulieren demgegenüber eine konsequentere konstruktivistische Ausrichtung, die es zulässt, die Konstitution von Kriminalität als kulturell eingebettete, narrative Praxis zu analysieren.
In English-speaking criminology there is a lot of talk about narratives at the moment. Recently, the umbrella term narrative criminology has been established for research that relates narratives and crime or crime control. This is a new approach to an older topic; narratives have been a subject of criminological research in many ways for quite some time. We begin by describing the starting point of the topic in order to contrast it with the specific direction taken by leading representatives of narrative criminology. In particular, we focus on the question of whether it can rightly claim to open up new theoretical and/or empirical perspectives on critical criminology. We raise doubts in this regard. From our point of view, it seems difficult that narrative criminology is etiologically oriented to no small degree. Moreover, it makes use of a dualistic ontology that is simultaneously committed to a “realistic“ and a “constructivist“ understanding of reality. Although this approach can establish different criminological references, the downside is a certain inconsistency. Therefore, we postulate a more consistent constructivist orientation, which makes it possible to analyze the constitution of crime as a culturally embedded narrative practice.
Item Description:Literaturverzeichnis: Seite 291-294
DOI:10.3262/KJ2004280