Islamismusaffine Einstellungen bei in Deutschland lebenden Muslim*innen: zur ambivalenten Rolle der Religion und inividueller Religiosität

Es werden Ergebnisse der Befragung einer repräsentativen Stichprobe von n = 1 255 Muslim*innen vorgestellt, die im Rahmen der Studie „Menschen in Deutschland 2022“ durchgeführt wurde. Im Zentrum steht die Frage, welcher Stellenwert der individuellen Religiosität für die Erklärung islamistischer Eins...

Full description

Saved in:  
Bibliographic Details
Authors: Wetzels, Peter 1959- (Author) ; Brettfeld, Katrin (Author)
Format: Print Article
Language:German
Published: 2022
In: MOTRA-Monitor
Year: 2022, Pages: 366-396
Check availability: HBZ Gateway
Keywords:
Parallel Edition:Electronic
Description
Summary:Es werden Ergebnisse der Befragung einer repräsentativen Stichprobe von n = 1 255 Muslim*innen vorgestellt, die im Rahmen der Studie „Menschen in Deutschland 2022“ durchgeführt wurde. Im Zentrum steht die Frage, welcher Stellenwert der individuellen Religiosität für die Erklärung islamistischer Einstellungen zukommt. Unter hoch religiösen Muslim*innen ist die Rate eindeutig islamistisch eingestellter Personen mit 18.7 % gegenüber dem Durchschnittswert von 8.2 % zwar deutlich erhöht. Die weit überwiegende Mehrzahl der hoch religiösen Muslim*innen zeigt indessen keine islamistisch-extremistischen Einstellungen. Die Ausprägung des Zusammenhangs zwischen dem Grad der individuellen Religiosität und der Verbreitung islamistischer politischer Einstellungen ist in verschiedenen Teilgruppen der Muslim*innen zudem sehr unterschiedlich und hängt vor allem von der Art des jeweiligen religiösen Orientierungsmusters ab. Solche Orientierungsmuster betreffen Einstellungen gegenüber religiösen Regeln, die Rigidität der Handhabung hier bestehender Ge- und Verbote, aber auch Haltungen zur Modernisierung des Islam. Es lassen sich empirisch vier Gruppen mit unterschiedlichen religiösen Orientierungsmustern klar erkennen: fundamentale (9.7 %), orthodoxe (37.8 %) sowie liberale Orientierungsmuster und als vierte Gruppe die wenig regelorientierten, Gering-religiösen Muslim*innen (11.7 %). Die Verbreitung islamistischer Einstellungen zwischen diesen vier Gruppen unterscheidet sich ganz erheblich. Bei fundamental Orientierten liegt sie mit 31.5 % am höchsten, bei den Orthodoxen mit 13.5 % in einem Mittelbereich, während Liberale mit 0.5 % und Gering-religiöse mit 0 % (nahezu) keine islamistischen Einstellungen aufweisen. Weiter sind auch die Effekte der individuellen Religiosität auf die Wahrscheinlichkeit der Etablierung islamistischer Einstellungen von der Zugehörigkeit zu einer dieser vier Gruppen abhängig. Hohe Religiosität geht vor allem im Falle fundamentaler Orientierungsmuster mit einer erheblichen Steigerung des Risikos islamistischer Einstellungen einher. Im Falle der liberalen oder der gering religiösen Orientierungsmuster ist dies gar nicht der Fall, bei den orthodoxen nur in einem deutlich verringertem Maße. Darüber hinaus zeigt sich, dass die Zusammenhänge zwischen Religiosität, religiösen Orientierungsmustern einerseits und islamistischen Einstellungen andererseits nicht auf soziale Ausgrenzungsund Marginalisierungserfahrungen von Muslim*innen zurückzuführen sind. Zwar tragen soziale Ausgrenzungserlebnisse bei davon betroffenen Muslim*innen zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Entwicklung islamistischer Einstellungen bei. Die Effekte der religiösen Orientierungsmuster und der Religiosität bleiben jedoch davon unabhängig zusätzlich bestehen. Insgesamt sind damit die Wirkungen einer starken religiösen Bindung im Hinblick auf politisch-extremistische Einstellungen durchaus ambivalent. Es ist daher davor zu warnen, sehr religiöse Muslim*innen unter einen Generalverdacht mit Blick auf Islamismus oder gar politische Gewaltbereitschaft zu stellen, da dies zu genau den Ausgrenzungs- und Marginalisierungserfahrungen beitragen kann, die zu einem vermehrten Rückzug aus einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft und zur Radikalisierung führen können.
Item Description:Literaturverzeichnis: Seite 395-396
Physical Description:Diagramme